Oh hat der Himmel keine Engel mehr
Jeanne d’Arc - La Pucelle
deutsch-französisches Theater-Atelier in mehreren Arbeitsphasen
unter der Leitung von Dieter E. Neuhaus und Isabelle Diligent
Szenencollage eines deutsch-französischen Theater-Ateliers mit Texten und Ideen von Friedrich Schiller und Voltaire
Nach "Ritter Blaubart" (1991 - 1993) organisierte das forum 1994 zum zweiten Mal ein Theaterprojekt für junge SchauspielerInnen aus Deutschland und aus Frankreich, das erneut durch eine ungewöhnliche Konzeption, ein ungewöhnliches Thema sowie ungewöhnliche Arbeitsweisen bestach. In insgesamt drei Arbeitsphasen entwickelten die Teilnehmer - gemeinsam mit den erfahrenen Theaterleuten Dieter E. Neuhaus und Isabelle Diligent - ein deutsch-französisches Theaterstück, das in Deutschland und Frankreich in mehreren Werkstattaufführungen gespielt wurde. Als Spielmaterial dienten Texte und Szenen aus Friedrich Schillers "Die Jungfrau von Orléans" (in deutscher Sprache) und aus Voltaires Versepos "La Pucelle d’Orléans" (in französischer Sprache). So entstand über eine der faszinierendsten Frauengestalten der Geschichte und des Theaters eine deutsch-französische Szenen-Collage, die ihren besonderen Reiz aus den höchst unterschiedlichen Perspektiven der beiden Dichtergrößen Schiller und Voltaire gewann.
Die erste einführende Arbeitsphase des Ateliers fand im Juli 1994 in Valras (Frankreich) statt und hatte den Gruppenfindungsprozess zum Schwerpunkt. Dem eigentlichen Thema des Ateliers - Jeanne d’Arc - näherten sich die jungen Künstler eher unbewusst an, indem von Dieter E. Neuhaus oder Isabelle Diligent Textzeilen aus dem Zusammenhang herausgerissen wurden, die als Spielmaterial dienten. Erst in den Improvisationen der letzten Tage wurde "Jeanne" konkreter thematisiert. Die zweite Arbeitsphase fand vom 2. bis 17. September 1994 im Internationalen Jugendkulturzentrum in Bayreuth statt, wobei neben der Arbeitsergebnissen der ersten Kennenlernphase in Frankreich nun vor allem die Texte "La Pucelle" von Voltaire und "Die Jungfrau von Orléans" von Friedrich Schiller die Arbeitsbasis bildeten. Im Verlauf des zehntätigen Ateliers wurde die Grundstruktur des Stückes erspielt. Die eigentliche Realisierung des Stückes aber wartete auf die Teilnehmer in Montpellier. Dort fand vom 7. bis 18. November 1994 die dritte Arbeitsphase statt, in deren Verlauf es galt zu Inszenieren, aber auch das gesamte Dekor und die Kostüme herzustellen sowie die Lichtregie zu erarbeiten. Die intensive Zusammenarbeit aller und das Interesse, das für die Bereiche des jeweils anderen entwickelt wurde, ermöglichten diesen Kraftakt. Die Proben der dritten Arbeitsetappe fanden am späteren Aufführungsort, dem Théâtre Jean Vilar in Montpellier statt. Dort wurden die Resultate der gemeinsamen Arbeit der Teilnehmer in vier Vorstellungen präsentiert. Die Premiere fand am 18. November 1994 statt und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.
Künstlerische Leitung
Dieter E. Neuhaus (D)
studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Philosophie in Köln, Berlin und Bochum. Nach seiner Tätigkeit als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler an den Theatern in Schleswig, Luzern, Bonn und Freiburg im Breisgau arbeitete er ab 1985 freiberuflich. Zu seinen Inszenierungen gehören unter anderem Hovrath, "Glaube, Liebe, Hoffnung"; Balderston/Dean "Dracula"; Kroetz "Oberösterreich" ; Molière, "Der Geizige" ; Shakespeare, "Macbeth" und Behan, "Richards Korkbein". Als Dramaturg beschränkte er sich nicht nur auf das Sprechtheater, sondern sammelte auch zahlreiche Erfahrungen im Musiktheater. Des weiteren machte er sich einen Namen als künstlerischer und organisatorischer Leiter großer Theaterprojekte, da es ihm gelang, ganze Städte zu mobilisieren und auch Amateure zu integrieren: "Der jungen Mannen Spiegel" von Jos Murer (Zürich, 1975) - "Hexen in Offenburg und der Ortenau" (Offenburg, 1985) - "Festspiel Sempach" (Luzern, 1986) - "Die Emmendinger Jahrhundertfeier" (Emmendingen, 1990) - "Das Weidener Stadtschauspiel" (Weiden i.d.Opf., 1992) - "Das Klosterspiel von Brauweiler" (Pullheim, 1993). In seinen eigenen Rezitationsprogrammen verbindet er die Arbeit des Dramaturgen mit der des Schauspielers und Regisseurs. So entstanden z.B. Programme zu Martin Walser und Friedrich Hölderlin oder "Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner binnen 98 Minuten". Auftritte und Gastspiele im gesamten deutschsprachigen Raum mit diesen Ein- oder Zwei-Personenstücken vervollständigen seinen Tätigkeitsbereich. Zudem war Dieter E. Neuhaus seit Beginn des deutsch-französischen Theater-Ateliers des forums 1991 mehrfach als dessen deutscher künstlerischer Leiter tätig.
Isabelle Diligent (F)
erhielt ihre Ausbildung als Schauspielerin und Sängerin am Conservatoire National de Région in Besançon. Immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen und Ausdrucksmöglichkeiten arbeitete sie unter anderem unter Jean-Luc Lagarce in "Hollywood" am Théâtre de la Roulette; unter Philippe Adrien am Théâtre de la Tempête in Paris; sie spielte, tanzte und sang unter der Regie von Martine Fioux in "Miroir des Apparences" und interpretierte unter Ghislaine Lenoir die Lotte in "Groß und Klein" von Botho Strauß und Hermidas im "Triumph des Lieben" von Marivaux. Fasziniert von den Möglichkeiten der Sprache arbeitete sie im Centre de Linguistique Appliquée in Besançon und machte es sich fortan zur Aufgabe, über die Ausdrucksmittel des Theaters Sprache und Fremdsprache begreifbar zu machen und zu vermitteln. So war ihre Lehrtätigkeit im Fach Schauspiel am Conservatoire auch nur ein kurzes Zwischenspiel, um später verstärkt ihr Können als Schauspielerin und Pädagogin im schulischen Bereich einzubringen. Körpersprache als Möglichkeit sprachliche Hemmschwellen zu überwinden und eine Fremdsprache zu erlernen. In diesem Zusammenhang war Isabelle Diligent Mitinitiatorin und künstlerische Leiterin eines Pilotprojektes, das vom Institut Français in Freiburg und der Académie von Strasbourg und Besançon organisiert wurde, und als dessen sichtbares Ergebnis ein zweisprachiges Theaterstück entstand. Im Rahmen der deutsch-französischen Theater-Produktion zu "Jeanne d’Arc" 1994 arbeitete Isabelle Diligent erstmals als französische künstlerische Leiterin der zweisprachigen Theater-Ateliers des forums.


