maskerade
Ein Spiel mit Realität und Vision - doch was ist Wirklichkeit?
Ein Spiel mit freiwilliger Abhängigkeit und unfreiwilligem Losgelassensein - ein Spiel?
deutsch-französisch-slowakisches Pantomime-Atelier in drei Arbeitsphasen
unter der Leitung von Milan Sládek
1. Arbeitsphase vom 1. bis 16. Mai 1993 in Bratislava
2. Arbeitsphase vom 28. August bis 13. September 1993 in Bayreuth und Saarbrücken
3. Arbeitsphase vom 24. bis 29. Juni 1994 in Bratislava beim Festival Istropolitana
Nach der ersten sehr erfolgreichen Produktion des deutsch-französischen Pantomimen-Ensembles im Jahre 1989 ("Die Hochzeit auf dem Eiffelturm" von Jean Cocteau) handelte es sich bei "Maskerade" um die zweite Inszenierung, die der bekannte Mime Milan Sládek mit dem deutsch-französischen forum junger kunst realisierte. Neu war dieses Mal allerdings die Erweiterung des zuvor rein deutsch-französischen Ensembles um eine Nationalität. Zur bisherigen Pantomimen-Gruppe stießen nämlich junge slowakische Schauspieler und Bühnenbildner, die an der Hochschule für Musische Künste in Bratislava studierten und von ihrem Professor Jozef Ciller begleitet wurden.
Vor Beginn der Proben stellte sich natürlich die Frage, wie sich die Kommunikation entwickeln würde, sollten die Arbeitssprachen doch Deutsch, Französisch und Slowakisch sein. Bei den Proben verloren sich diese Bedenken aber rasch, denn neben einer Dolmetscherin und der englischen Sprache stand ein weiteres Kommunikationsmittel zur Verfügung: die Pantomime. Das älteste Kommunikationsmittel der Welt - die Körpersprache - half, die Momente zu überbrücken, in denen die Worte versagten.
Die Pantomimen, Schauspieler und Szenographen französischer, deutscher und slowakischer Herkunft trafen sich erstmals Anfang Mai 1993 in Bratislava, um gemeinsam an den pantomimischen Szenen der "Maskerade" zu arbeiten. Die Idee zu "Maskarade" war durch die Ballettpantomime "Die Masken aus Ostende" von Michael de Geldherode entstanden, die dieser zu Beginn der 1930er Jahre - inspiriert durch Bilder von James Ensor - geschrieben hatte und in denen sich ein junger Mann im Trubel und in den Masken des Karnevals verliert und nicht mehr zwischen Realität und Vision zu unterscheiden weiß. Bei den ersten Proben des Ateliers wurde sehr schnell deutlich, dass diese Art der Pantomimendarstellung ebenso wie seine Symbolik sehr stark in den 1930er Jahren verhaftet war, fühlt und denkt doch der heutige Mensch, vor allem der jüngere, in anderer Art. Und auch die Pantomime hatte seit den 1930er Jahren eine große Entwicklung durchgemacht. Sie ist fähig, einen differenzierten Ausdruck menschlicher Schicksale wiederzugeben. Ausgehend von diesen Veränderungen wurde so ein neues Stück erarbeitet, in dessen Zentrum ein junger, drogenabhängiger Mensch stand, der im Karneval zwischen Maskenträgern taumelnd, Phasen seines Lebens zwischen Rausch und Realität durchlebte. Die Kursteilnehmer versuchten dabei, in verschiedenen Bildern den Weg seines Falls aufzuzeichnen. Es galt, neue Symbole zu finden, die die eigenen Empfinden und Erfahrungen wiedergaben.
Auf den gemeinsamen Ergebnissen dieser ersten Arbeitsetappe aufbauend entstand in der zweiten Entwicklungsphase, die vom 28. August bis 10. September 1993 im ZENTRUM in Bayreuth stattfand, eine aufführungsreife Produktion. Das Ergebnis der internationalen Zusammenarbeit auf pantomimischem Sektor wurde allerdings erst in Saarbrücken uraufgeführt, und zwar anlässlich des Kulturfestes, das das Deutsch-Französische Jugendwerk am 11. September anlässlich seines 30jährigen Bestehens veranstaltete. Dabei nahm das Projekt im Rahmen des Kulturfestes einen besonderen Platz ein, weil es als einzige Produktion auch ein osteuropäisches Land mitrepräsentierte. Gezeigt wurde in der Abschlussaufführung in eindringlichen Bilder der Weg einer jungen Frau in die Drogenabhängigkeit, in der Traumwelten und Wirklichkeit unentwirrbar miteinander kämpften. Bühnenbild, Beleuchtung und Maske waren hervorragend auf das Stück abgestimmt und trugen unter der Leitung von Professor Ciller zu der außerordentlichen Wirkung des Stückes bei. Die Musik für die Szenen hatte der 21jährige Slowake Michael Nicik geschrieben, der unter anderem auch schon Ballettmusik für das Nationaltheater Bratislava komponierte.
Künstlerische Leitung
Milan Sládek (SK/D)
Der europaweit bekannte Pantomime, Pantomimenlehrer und Regisseur wurde 1938 in der CSSR geboren. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule und dem Studium an der Akademie der Musischen Künste, Abteilung Schauspiel, in Bratislava und Prag gründete er 1960 sein erstes eigenes Pantomimenensemble und trat im Anschluss als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller seiner ersten Stücke an die Öffentlichkeit. Seit 1979 lebt der gebürtige Slowake in Köln. Dort gründete er das einzige festansässige Pantomimentheater in Westeuropa und wirkte zudem bei dem seit 1976 veranstalteten Internationalen Pantomime-Festival "Gaukler" mit. 1987 übernahm er die Pantomime-Klasse der Essener Folkwang-Hochschule. Anfang der 1990er Jahre schließlich bat ihn die Regierung der Slowakei, in Bratislava eine Schule für Pantomime/Bewegungstheater zu gründen. Sládek legte seine Folkwang-Professur nieder und pendelt seither zwischen Köln und Bratislava. Mit ihm war es dem forum gelungen, einen künstlerischen Leiter für die Pantomimen-Ateliers zu gewinnen, der in einmaliger Weise einen Brückenschlag zwischen West- und Osteuropa verwirklichen konnte, der über viele Jahrzehnte aufgrund der politischen Verhältnisse unmöglich war.
Jozef Ciller (SK)
Professor an der Hochschule für Musische Künste in Bratislava (Slowakei)


